Interview mit Kammeramann Peter Indergand
„Ich sehe meine Aufgabe darin, einer Story das passende Gesicht zu verleihen”
Sie arbeiten mit erfahrenen und renommierten Regisseuren wie Christian Frei oder Markus Imboden zusammen. Nun hat der bekannte Satiriker Lorenz Keiser seinen ersten Film „Länger Leben” gedreht. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit einem „Filmneuling” gestaltet?
Die Filmerfahrung eines Regisseurs ist ja zum Glück nur einer von vielen Aspekten bei der Arbeit an einem Projekt. Genauso wichtig scheint mir die Vision und der Enthusiasmus, den jemand mitbringt. Und da war die Arbeit mit Lorenz eine wirklich gute Erfahrung. Er ist jemand, der sich voll und ganz für seinen Film und seine Geschichte einsetzt. Sonst wäre er wohl das Wagnis gar nicht eingegangen, mit einem Bonsai-Budget dieses Abenteuer in Angriff zu nehmen.
War es einfacher oder schwieriger?
Die Zusammenarbeit mit einem Regisseur ist, neben der Chemie, eine Frage der Kommunikation. Wie schafft man es, eine gemeinsame Sprache zu finden und sich den gleichen Film vorzustellen? Manchmal ist es gar nicht so einfach, über Bilder, Orte und Stimmungen zu sprechen, die es noch gar nicht gibt, weil wir sie erst (er)finden müssen. Das ist mit einem erfahrenen Regisseur unter Umständen einfacher, weil man sich auf Erfahrungen berufen kann. Aber eigentlich beginnt man jeden Film bei Null. Es gibt ja nichts Schlimmeres als die Routine. Wenn jemand sagt: „Das ist kein Problem, das machen wir so wie immer.” Wenn man so weit ist, kann man einpacken, finde ich.
Sie haben auch bei der Langfilm-Produktion „Sternenberg” die Kamera geführt. War es sofort klar, dass Sie zusagen würden, als es um den neusten Spielfilm „Länger Leben” ging?
Die Umstände, unter denen dieser Film gemacht werden musste, waren schon recht extrem. Es war von Anfang an klar, dass man einen Spagat hinkriegen musste zwischen Produktionsbedingungen, die jede Art von „unnötigem” Aufwand zum Vornherein ausschlossen, und dem Anspruch, einen „waschechten” Kinofilm zu machen. Es war mir klar, dass dies bei der Firma Langfilm machbar ist, nicht zuletzt weil hier Menschen am Werk sind, die mit viel Herzblut in einer äusserst familiären Atmosphäre zur Sache gehen.
Wie haben sich die Dreharbeiten gestaltet?
Wir hatten zwar ein – im Vergleich zu anderen Spielfilmdrehs – sehr kleines Team. Wer macht schon einen Film mit nur einem Beleuchter? Aber dadurch, dass alle am selben Strang gezogen haben, entwickelte sich schnell eine tolle Arbeitsatmosphäre. Die Hierarchien waren viel weniger stark als sonst, und niemand war sich zu schade, dort Hand anzulegen, wo gerade Not am Mann war.
Hatten Sie einen grossen Freiraum bei der Kameraarbeit oder hat die Regie viel interveniert?
Alles, was Lorenz vor seinem inneren Auge sah, seien es Bilder, Ausstattungsdetails oder Kostüme, kommunizierte er sehr klar. Und gleichzeitig hatte er grosses Vertrauen in sein Team und liess seinen Mitarbeitern viel Freiheit. Dadurch, und davon bin ich überzeugt, kriegte er viele kreative Inputs, die den Film bereichern. In diesem Sinne hatte ich bei Kameraarbeit und Lichtgestaltung einen recht grossen Freiraum, den ich so versuchte zu nutzen, dass die Story auch visuell möglichst stimmig erzählt wird. Diese Arbeitsweise machte auch deshalb Sinn, weil Lorenz ja neben der Regie zusätzlich mit seiner Rolle als Dr. Schöllkopf ausgefüllt war. Da ging es manchmal ganz banal darum, dass er die Konzentration aufs Wesentliche richten konnte.
Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise bezeichnen? Was braucht es für ein gutes Bild?
Ich sehe meine Aufgabe darin, einer Story das passende Gesicht zu verleihen. Da denke ich zunächst eher in dramaturgischen Begriffen und weniger nach formalen Aspekten. Auch als Kameramann muss ich eine Geschichte zuerst erfassen und ihren Kern oder ihren Geist begreifen und verinnerlichen. Erst dann kann es gelingen, die richtige Form, den Rhythmus und die Bildsprache zu finden. Die Form folgt dem Inhalt und nicht umgekehrt. Dieser Prozess läuft von der ersten Drehbuchlektüre bis in den Dreh hinein. Dabei spielen die Gespräche mit dem Regisseur eine wichtige Rolle, aber durchaus auch mit anderen Beteiligten. Schließlich – und das sollte man nie vergessen – entsteht ein Film in Teamarbeit.
Demnach geht es auch fest um gegenseitiges Vertrauen.
Ja. Die Arbeit zu „Länger Leben” war sehr stark vom Vertrauen geprägt, das Lorenz in meinen Beitrag zu seinem Film hatte. Er ist jemand, dem Machtspiele auf dem Set völlig fremd sind. Unsere Zusammenarbeit war sehr partnerschaftlich und dadurch auch konstruktiv. Und ich glaube, dass dies der Hauptgrund ist, weshalb sich die Arbeit an diesem Film überhaupt nicht wie ein Erstlingswerk angefühlt hat.
Sie sind auf der ganzen Welt unterwegs und drehen Dokumentarfilme, aber auch viele Spielfilme. Was ist das Spezielle an einer Komödie? Worauf achten Sie besonders?
Bei einer Komödie wie „Länger Leben” ist das Timing im Spiel der Schauspieler außerordentlich wichtig. Und das ist nicht nur eine Sache des Schnitts. Die Szene muss schon beim Dreh im richtigen Rhythmus und Tempo inszeniert sein, sonst wird es später schwierig. Lorenz arbeitet extrem präzise. Das kommt wohl von seiner Bühnenerfahrung. Es gab Situationen, da haben wir einen Satz zigmal gedreht, bis er so war, wie Lorenz ihn haben wollte. Und plötzlich war die Komik da! Das war schon beeindruckend.
Sind Komödien lustiger zu drehen als ernste Dokfilme?
Natürlich gibt es Momente, in denen eine Aufnahme zerstört wird, weil das ganze Team laut loslachen muss. So gesehen ist es lustig. Aber insgesamt ist eine Komödie genauso harte Arbeit wie ein anderer Film.