Interview mit Regisseur Lorenz Keiser
„Das wahre menschliche Drama ist immer eine Komödie”
Die ganze Schweiz kennt Sie als Satiriker. Nun haben Sie zum ersten Mal Regie in einem Spielfilm geführt. War das ein lange gehegter Traum?
Ein lang gehegter Traum tönt danach, als ob man lange davon träumt und es dann endlich macht. So war es nicht. Ich arbeite aber seit langer Zeit immer wieder an Filmideen und Filmprojekten. Es war ein langer Weg und ich bin froh, dass das Schiff endlich in den Hafen eingelaufen ist.
Wie ist die Idee zur Komödie „Länger Leben” entstanden?
Die Idee hatte ich schon vor langer Zeit. Auch wenn meine beiden Hauptfiguren im Grunde wohl eher friedliche Menschen sind, handelt es sich doch um eine klassische Duell-Situation wie bei High Noon. Zwei Leute stehen sich in einem existentiellen Moment Auge in Auge gegenüber. Zwei Männer brauchen ein neues Organ, haben ein gegenseitiges Spenderversprechen unterschrieben, und dann lernen sie sich ungeschickterweise kennen. Ihre Schicksale sind miteinander verknüpft, nur einer kann überleben, und jeder ist daran interessiert, dass er das ist. Das finde ich spannend.
Max Wanner (Mathias Gnädinger) braucht eine neue Leber, Fritz Pollatschek (Nikolaus Paryla) ein neues Herz. Schwimmt in dieser „Organnot-Situation” eine gesellschaftliche Kritik mit?
In erster Linie geht es um die Geschichte der beiden Protagonisten. Nur leben die halt in unserer heutigen Realität. Und wenn ich die Realität karikiere, dann steckt da natürlich auch eine gewisse Kritik drin.
Sie haben mit Mathias Gnädinger einen grossen Namen unter den Schweizer Schauspielern für den Film gewinnen können. Eine glückliche Fügung?
Im Film gibt es ein paar solche Glücksfälle. Der erste Glücksfall ist Mathias Gnädinger, er spielt grossartig. Und dass wir als zweiten Hauptdarsteller Nikolaus Paryla gefunden haben, ist ebenfalls ein absoluter Glücksfall. Die beiden sind ein ganz spezielles Filmpaar. Und dass wir Peter Indergand als Kameramann gekriegt haben, ist für mich natürlich auch hervorragend. Er ist einer, der erstens irrsinnig viel Erfahrung hat und zweitens ruhig ist und sich auf das Abenteuer einlassen wollte mit einem wie mir, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Die filmische Qualität, die er hingekriegt hat, ist grossartig.
Von der Idee bis zur Realisierung des Films verging doch einige Zeit. War es schwierig, einen Produzenten zu finden?
Nein. Aber es ist tatsächlich schwer, einen Film zu realisieren. Meine Produzenten Bernard Lang und Adriano Viganò sind früh und sehr enthusiastisch ins Projekt eingestiegen. Doch ein Film kostet sehr viel Geld und wir sind in einem Land, das einen sehr kleinen Markt hat. Darum ist es eine reine Subventionskunst, und am Ende entscheiden andere Leute über das Projekt. Von daher hatten wir eigentlich Glück, dass wir weder vom Bund, noch vom Kanton, noch vom Fernsehen selektive Fördergelder bekommen haben. So hat Adriano Viganò einen Plan entworfen, wie wir den Film privat finanzieren können, und das ist uns gelungen. Wir mussten zwar extrem billig produzieren, dafür konnte uns auch niemand dreinreden.
Wie haben Sie sich auf die Regiearbeit vorbereitet?
Wenn man sich zum ersten Mal auf einen Film vorbereitet und ein kleines Team hat, das in kurzer Zeit sehr viel macht, dann hat man in der Realität fast keine Zeit, sich über eine längere Phase vertieft vorzubereiten. Aus meiner langen Theaterarbeit habe ich aber gewusst, wie ich Regie führen werde. Es ist nämlich nicht so, dass ich einfach dort bin und mal schaue, was die Leute so anbieten. Es gehört zu meinem Charakter, dass ich eine klare Vorstellung habe, wie etwas sein soll und wie die Dialoge klingen. So habe ich mich von der schauspielerischen Seite her und über die Dialoge gut vorbereitet. Was im Film dann wirklich passiert ist, hat mich zum Teil selbst überrascht.
Wie ist die Vorbereitungszeit mit den Schauspielern verlaufen?
Wir haben uns zu Leseproben getroffen. Ich habe meine Vorstellungen transparent gemacht und die Hauptdarsteller haben mir ihre Ideen unterbreitet. Mathias Gnädinger zum Beispiel hat sich ein ganzes Curriculum von dieser Figur Max Wanner zurecht gelegt und aufgeschrieben, wo er herkommt, wie er aufgewachsen ist und was er in seinem Leben bisher alles gemacht hat. Er hat ihn als relativ kleinbürgerlich und kleinkriminell entworfen. Ich habe gesagt, das finde ich gut, aber dieser Mann ist eine Nummer grösser. Er hat eher bei der Bank gearbeitet und Kunstbetrügereien begangen als Kleindiebstahl. So haben wir den Hintergrund der Figur miteinander entworfen.
Entspricht das Ihrer Arbeitsweise, dass Sie den Figuren eine Biografie geben und anhand dieser entstehen dann die Geschichte und die Dialoge?
Nein. Ich arbeite mehr aus der momentanen Situation heraus. Ich lasse die Figuren aufeinander los und schaue, was passiert. Die Biografie gebe ich ihnen erst später. Die Figuren müssen vom Charakter her und als Person stimmen.
In der Satire geht es unter anderem darum, Pointen zu setzen. Wie funktioniert das im Film?
Pointen zu setzen, ist eine Timingfrage. Man kann Komik herstellen. Komik ist nicht eine unfassbare Kunst. Das ist im Film genau gleich wie im Theater. In der Szene selbst muss die Pointe bereits funktionieren. Eine Endpointe – der Übergang zu einer neuen Szene – kann man nachher noch am Schneidetisch konstruieren. Wenn aber eine Szene von der Komik her in sich nicht funktioniert, muss man sie nochmals drehen.
Sie spielen als Doktor Schöllkopf selbst eine wichtige Rolle in Ihrem Film „Länger Leben”. Zum einen Regie führen und zum andere eine Hauptrolle spielen: War das nicht eine Doppelbelastung?
Ich hatte zum Glück meinen Co-Regisseur Jean-Luc Wey, der übernommen hat, wenn ich spielte. Doch mich von der Aussenrolle als Regisseur immer wieder selbst in den Film hinein zu begeben, war tatsächlich schwer. Dieser Wechsel wird noch anspruchsvoller, wenn man wenig Zeit hat, als Regisseur an einem Tag vier Szenen dreht und dann am gleichen Tag als Schauspieler noch zwei weitere spielt.
Wie hat die Zusammenarbeit mit Jean-Luc Wey funktioniert?
Wir haben sehr gut zusammen gearbeitet. Als ich ihn kennen gelernt habe, wusste ich gleich, dass ich ihn als Co-Regisseur haben wollte. Sowohl auf der persönlichen Ebene als auch in der Vorstellung, wie dieser Film werden sollte, haben wir uns verstanden. Auf dem Set haben wir uns die Arbeit so geteilt, dass Jean-Luc Wey den ganzen filmischen Apparat kontrolliert und geführt hat. Für mich wäre das fast unmöglich gewesen. Die Schauspieler- und Dialogregie habe ich übernommen. Jean-Luc ist als Korrektiv und Kontrolleur neben mir gestanden und hat mir sehr geholfen. Wenn man etwas zum ersten Mal macht, hat man Unsicherheiten. Eine zweite Stimme kann Bestätigung geben oder auch sagen, dass eine Szene wiederholt werden sollte.
Sie stammen aus einer bekannten Kabarettisten-Familie. Margrit Läubli und César Keiser (t 2007) sind Ihre Eltern. War es von Anfang an klar, dass Sie eine Komödie drehen würden oder hätte es auch ein Drama sein können?
Nein, die Komödie ist für mich die einzige Form, um auch Dramen zu zeigen. Das wahre menschliche Drama ist immer eine Komödie. Und die wahre menschliche Komödie ist immer ein Drama. Ich bin in der Komödie zuhause. Die Komödie ist das, was mich interessiert und was ich auch selbst gerne anschaue. Dass ich ein Drama drehen würde, stand nie zur Diskussion.
Ihre Mutter Margrit Läubli ist im Film als Mitglied eines schrägen Senioren-Kochclubs zu sehen. Wie war es, die eigene Mutter zu inszenieren?
Man hat, wenn man mit Familienmitgliedern arbeitet, eine zusätzliche Schwierigkeit. Man kennt die eigene Mutter ganz anders und viel besser als andere Schauspieler. Ich sah in ihrer Rolle Dinge, die eigentlich von ihr als Mensch kommen. Das ist bei jedem Schauspieler so. Nur weiss ich es bei den anderen nicht. So habe ich ein zusätzliches Abstraktionsvermögen gebraucht. Die Arbeit mit der eigenen Familie hat aber sicher auch Vorteile. Weil ich meine Mutter so gut kenne, konnte ich ihr Dinge unverblümt sagen und wusste, dass sie’s versteht.
Die ausführenden Produzenten Ihres Films sind ebenfalls ein Familienunternehmen. Wie war die Zusammenarbeit mit der Freiensteiner Langfilm?
Super. Als ich Bernard Lang bei Dreharbeiten für einen anderen Spielfilm („Alles bleibt anders”, Regie Güzin Kar) kennen lernte, in dem ich eine kleine Rolle spielte, war mir sofort klar, dass Bernard und sein Familienunternehmen den Film machen müssten. Es hat vielleicht mit einer gewissen Ähnlichkeit zu tun: Wir haben auch in der Familie Sachen gemacht oder machen immer noch Dinge zusammen. Diese Art der Arbeit kam mir also bekannt vor. In erster Linie hat es aber einfach damit zu tun, dass die ganze Familie Lang irrsinnig grosszügige, grossherzige, charmante und gleichzeitig hochprofessionelle Leute sind.
Alles lief hochprofessionell, aber das Budget war eher „low”. Wie haben Sie diesen Spagat gemeistert?
Das Budget war extrem „low”. Es war so „low”, dass man uns mehrmals gesagt hat, das geht gar nicht, was ihr da plant. Für diesen Preis kann man keinen Film machen. Ich habe das nicht gemeistert, sondern das hat die Firma Langfilm gemeistert. Bernard Lang, der das Budget ausgerechnet hat und eine sehr gute Kostenkontrolle hat. Natürlich war auf meiner Seite eine Arbeitsleistung da, die nicht „normal” ist für einen Film. Und bei den Produzenten war dies wahrscheinlich auch so.
Nun haben Sie ausgiebig Filmluft geschnuppert. Haben Sie Ideen für einen zweiten Film?
Ideen habe ich immer. Aber im Moment denke ich nicht an einen zweiten Film, sondern bin gespannt, wie sich die Komödie „Länger Leben” im Kino macht.